Abi ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt

Irgendwie ist es doch komisch:
Als kleine Kinder können wir es meist kaum erwarten, endlich in die Schule zu gehen. Schon Wochen, wenn nicht Monate vor unserem großen Tag sind wir in den heimischen vier Wänden mit dem Schulranzen der großen Schwester herumstolziert und haben ungeduldig auf die Zukunft gewartet. Doch kaum haben wir die ersten Schuljahre hinter uns, haben wir schon wieder genug: zwischen Hausaufgaben und Klausurenstress dürstet uns nach der unendlich erscheinenden Freiheit, die uns – wie wir vermuten – nach dem Abitur offensteht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einst selbst in die fünfte Klasse ging und dass ich damals sehr viel Respekt vor den „Großen“ hatte. Sie wirkten auf mich sehr reif, ruhig und entschlossen, wie sie sich durch die überfüllten Gänge schlängelten und sich in den Pausen an den Stehtischen versammelten. Nun bin ich selber eine von den „Großen“, aber so wie ich immer dachte, dass ich mich fühlen würde, komme ich mir gar nicht vor.

Er ist gekommen, der allerletzte Schultag meines Lebens – und ich muss zugeben, dass ich es schon beinahe schade finde.

Eigentlich müssten sich die Tage von nun an wie Ferien anfühlen: wir können morgens so lange schlafen wie wir wollen, haben so gut wie keine Verpflichtungen, keine Referate vorzubereiten und für keine finalen Klausuren mehr zu lernen. Doch das tun sie nicht. Etwas ist anders als sonst. Etwas, das mich die Schulzeit bereits nach wenigen Wochen Abwesenheit vermissen lässt. Vielleicht liegt es daran, dass ich genau weiß, dass es diesmal keine Überbrückung bis zum Wiederbeginn des Unterrichts ist, sondern ein Abschied für immer.

Auf einmal ist mir bewusst geworden, warum viele Erwachsene die Schulzeit rückblickend als die beste ihres Lebens bezeichnen. Zwar wird in der Erinnerung mit der Zeit vieles idealisiert, da wir scheinbar unwichtige Ereignisse (wie beispielsweise die Rückgabe einer weniger guten Klausur) mit der Zeit verdrängen und stattdessen eher auf die emotional behafteten (Klassenfahrten, Pausen, bestandene Abschlussprüfungen) zurückschauen, doch auch jetzt, wo die Erinnerungen noch frisch sind, ist mir klar, dass ich vieles vermissen werde: seine Freunde regelmäßig zu sehen und mit ihnen jeden Tag aufs Neue weniger interessante Unterrichtsstunden in bauchmuskelstrapazierende Unterhaltung zu verwandeln, liebevoll geschmierten Pausenbrötchen und – das muss schließlich auch berücksichtigt werden – weniger für Kinoeintritt und Monatskarte zahlen sind Vorteile, die man, solange man sie genießt, nicht immer zu schätzen weiß.

Als wir klein waren wünschten wir uns die Freiheit, selber entscheiden zu können, wie wir unser Leben gestalten wollen – doch wie viele jetzt feststellen dürfen, ist das gar nicht so einfach. Damals hat keiner die Qual der Berufswahl erwähnt, vor der wir jetzt stehen; niemand hat über die vielen Studiengänge geredet, die es bei unserem Eintritt in die Oberstufe noch nicht gab und vermutlich auch nicht mehr allzu lange geben wird. Ganz zu schweigen von der verzweifelten Suche nach einem passenden Angebot für einen Auslandsaufenthalt, die Bewerbung um ein Praktikum oder einen Studienplatz und die Wohnungssuche.

Doch ein Abschied ist auch immer ein neuer Anfang und so geht es für uns Abiturienten nun auf in die große weite Welt; für manche mit einem bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Plan, manch anderer lässt viel Freiraum für Spontaneität. Bei mir wohl eher letzteres: Nach einer Besuchsrunde bei Freunden und Verwandten in ganz Deutschland sowie der Betreuung eines Sommercamps für Jugendliche und einer mehrtägigen Fahrradtour werde ich in den Flieger nach Südamerika steigen. Meine beste Freundin dort weiß Bescheid – der Rest wird sich ergeben! 🙂

Soweit, so gut. Nun habe ich also mein Abi sprichwörtlich in der Tasche und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden: 1,7. Da kann man nicht meckern!
Am Freitag bekamen wir bei gefühlten 35°C feierlich unser Zeugnis überreicht, machten ein letztes Stufenfoto und unterhielten uns noch einmal mit den Menschen, die unsere Schulzeit prägten: mit Freunden, Mitschülern, Lehrern und Eltern wurde zurückgeblickt, angestoßen und die ein oder andere Zukunftsvision ausgetauscht. Viele dieser Gestalten habe ich im Laufe der Jahre lieb gewonnen und kann mir noch gar nicht so recht vorstellen, sie sobald nicht wieder zu sehen.

Der Abiball als endgültiger Abschluss der Schulzeit durfte natürlich auch nicht fehlen und so genoss ich ihn mit meinen besten Freunden bis in die frühen Morgenstunden, irrte danach mit einigen von ihnen auf der Suche nach einem Großraumtaxi durch Hamburg. Auch wenn wir mehr als anderthalb Stunden in der Kälte herumstanden (was für ein Glück, dass es noch Gentlemen gibt ;-)), bereue ich nichts, denn mit netten Menschen wird jedes Ereignis zu einem erinnerungswürdigen kleinen Abenteuer!

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Über Anni

Anni, 21 Jahre jung. Deutsch-Chilenin auf der Reise durch die große weite Welt, von einer Küche zur nächsten. Ständig auf der Suche nach neuen kreativen Rezepten und den dazugehörigen (Test-)Essern.
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Eine Antwort zu Abi ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt

  1. Angelina schreibt:

    Wow, das freut mich echt sehr von dir zu hören, schön dass ich dich dafür begeistern konnte! Dann mal nichts wie los die Sachen gepackt. 😉

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