Stummer Kampf

Reisetagebuch Indien,
Tag 1: 12. Oktober 2011, Anreise von Hamburg nach Delhi

Es geht los, auf in das Abenteuer Indien. Bereits um 5:30 morgens (welch inhumane Zeit…) reißt das Klingeln des Weckers mich jäh aus dem Reich der Träume. Aufstehen, in einer Stunde kommt das Taxi zum Flughafen! Die letzten Dinge werden im Koffer untergebracht und dieser geht problemlos zu. Es ist komisch, aber jedes Mal, wenn ich verreise habe ich das Gefühl irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben, wenn ich nicht wenigstens ein bisschen Kraft und eine gehörige Portion Optimismus mitbringen muss, um das Kofferschloss einrasten zu lassen. Aber umso besser, dann bleibt mehr Platz für Souvenirs. Ein vorerst letztes Mal laufe ich unsere spärlich erleuchtete Straße ab, um eine Geburtstagskarte an B. in Chile abzuschicken (5 Wochen später ist diese dann auch angekommen) und schon bin ich auf dem Weg in die Ferne.

Der Hamburger Flughafen ist nahezu menschenleer, nur einige Pärchen verabschieden sich voneinander. Die Frau am Check-In-Schalter möchte uns erst auf einen früheren Flug buchen, entscheidet sich jedoch nach einem längeren Monolog doch dagegen, wie geplant kann ich also in Ruhe ein zweites Frühstück genießen, um über den Wolken nicht so bald etwas zunehmen zu müssen ;-).


Stummer Kampf

Oder: Protokoll eines Langstreckenfluges in der Economy-Class


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„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“ Der Verfasser dieses Songtextes ist wahrscheinlich nie in den Genuss eines Langstreckenfluges in der Economy-Class gekommen, während dem er eingeklemmt zwischen Menschen, die keine der Sprachen sprechen, die man selbst in der Schule so mühsam erlernt hat, mehrere Stunden der inneren Unruhe erleben durfte.
Als wir zum Boarding aufgerufen werden, beeilt sich mein Vater möglichst weit vorne in die Schlange zu gelangen: Er hat bereits Erfahrung mit Flügen in die indische Hauptstadt, die in diesem Fall Gold wert sind. Die Inder selbst nämlich scheinen die Hinweisschilder auf eine maximale Anzahl und Größe von Handgepäckstücken entweder nicht verstanden oder wissentlich ignoriert zu haben, denn nicht wenige betreten mit 4 (!) Taschen das Flugzeug [zur Info: erlaubt wäre lediglich 1], um mit diesen sogleich den Stauraum über den Sitzen zu beanspruchen. Eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten: an indischen Flughäfen erhält man pro zugelassenem Handgepäckstück ein Zettelchen, ohne welches man dieses nicht mitführen darf.

Zwischen dem Gang und dem auf meinem Ticket angegebenen Sitzplatz sitzt jetzt nur noch eine Inderin gehobenen Alters in einem Sari und doch tatsächlich barfuss reist (und das bei unter 10°C Außentemperatur). Sie versteht weder Englisch noch Deutsch und scheint sich  offensichtlich auch durch die Geste des „Könnten Sie mich bitte einmal kurz vorbeilassen?“ nicht beeindrucken zu lassen – dieses Problem tritt jedoch nicht nur am Anfang des Fluges auf, sondern auch währenddessen. Dann muss es eben anders gehen, auch wenn ein Hindurchquetschen für beide Beteiligten sicherlich nicht die angenehmste Art ist (man beachte die Sitzabstände!).


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Als wir endlich in der Luft sind, werden – wie im Flugzeug so üblich – nach einer gefühlten Ewigkeit endlich Getränke serviert. Der zuständige Steward spricht ebenfalls kein Deutsch (wozu fliegt man dann mit einer deutschen Fluggesellschaft?). Die drei Male, die er sich auf dem sieben-einhalbstündigen Flug mit seinem Servierwagen den Weg durch den engen Mittelgang bahnt, bestelle ich Tomatensaft. „Mineralwasser mit Kohlensäure“ nämlich erscheint mir an dieser Stelle zu lang und kompliziert, die deutsche Kurzbezeichnung Sprudel wird er ja schließlich nicht kennen ;-).  
Nebenbei werden auf dem Bildschirmchen irgendwo 8 Sitzreihen vor mir nacheinander mehrere Spielfilme gezeigt; zuerst „Mr Poppers Pinguine“, dessen Vorschau ich auf einer Bahnfahrt im Sommer ganze 20 Mal hintereinander gesehen habe und dessen erste Hälfte ich leider verschlief, und ein indischer Bollywood-Film. Allerdings habe ich bei letzterem akute Verständnisprobleme: die einzige wählbare Sprache ist Hindi. Einziges Eingeständnis an die des Verständnis nicht mächtige andere Hälfte der Reisenden sind die englischen Untertitel, die allerdings entsprechend der Größe des Bildschirmes sehr, sehr klein und – zumindest für mich trotz aufgesetzter Brille – unleserlich sind.

Wenn man schon keine Unterhaltung findet, so könnte man wenigstens versuchen zu schlafen. Falsch gedacht! Habt ihr schon einmal versucht in „euren“ 0,25 m² eine bequeme Position zu finden? Es ist (fast) unmöglich, denn kaum meinst du bequem zu sitzen, stellt der Passagier vor dir seine Rückenlehne so weit wie möglich zurück und obwohl das nicht sehr weit ist, kannst du deine Beine nicht mehr übereinanderschlagen (oder sie lösen, je nachdem :D). Sollte man aufgrund eines unbändigen Willens dennoch in der Lage sein in einen halbwegs entspannten Dämmerzustand zu verfallen, so trifft einen mit Sicherheit ein Tritt der in unruhigen Schlaf versnkenen kleinen Schwester auf dem Nachbarplatz oder der Reisende aus der Reihe hinter einem muss Mal ganz dringend auf die Toilette. Auf dem Weg stützt er sich ganz geschickt an der eigenen Kopfstütze ab, plötzlich ist man wieder hellwach und die bequeme Position dahin. Es versteht sich von selbst, dass der Störenfried, wo er doch schon seinen Platz verlassen hat, auch noch einen kleinen Spaziergang durch den begrenzten Raum der Economy-Class unternimmt, bis der feinsäuberlich drapierte Vorhang den Blick in die hochpreisigere  Klasse versperrt und ihn zum Umkehren zwingt – genau dann, wenn man ihn schon erleichtert als verschollen abgestempelt hatte.

Zeit fürs Abendessen (oder ist es erst Mittag?): Vegetarisch oder „Indian Style“? Ich wähle die indische Variante, schließlich gilt es sich auf die neue Kultur einzustellen. Übrigens schmeckte dieses besser als gewohnt, irgendwie würziger ;-).
Meine indische Sitznachbarin meldet sich zu Wort und ich verstehe… nichts, schließlich redet sie Hindi. Ich frage sie etwas auf Deutsch, was sie natürlich nicht versteht; sie lächelt dennoch fröhlich. Ein paar Minuten später und unter Zuhilfenahme sämtlicher frei beweglicher Körperteile habe ich verstanden, was sie von mir möchte: ihr Essen öffnen; kein Problem.

Der Flug ist vorbei, wir alle heil auf indischem Boden gelandet. Meine Sitznachbarin bittet mich mittels Zeichensprache um einen letzten Gefallen, nämlich ihre Handgepäckstücke aus der Ablage herunterholen und ich wünsche mir, doch wenigstens ein kleines bisschen größer zu sein um ihr diesen auch erfüllen zu können. Während der gemeinsamen Stunden hat sich zwischen uns wenn auch keine Freundschaft, so wenigstens ein gegenseitiges Verständnis entwickelt, obwohl wir beinahe kein Wort miteinander wechselten.

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Über Anni

Anni, 21 Jahre jung. Deutsch-Chilenin auf der Reise durch die große weite Welt, von einer Küche zur nächsten. Ständig auf der Suche nach neuen kreativen Rezepten und den dazugehörigen (Test-)Essern.
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